Bezahlbares Wohnen in Lüneburg – die Antworten von Claudia Kalisch (Bündnis 90/ Grüne)

Mit Blick auf den Mangel an bezahlbarem Wohnraum in Lüneburg baten wir die Bewerberinnen und Bewerber um das Amt der Oberbürgermeisterin bzw. des Oberbürgermeisters, die folgenden Fragen für unsere öffentliche Veranstaltung am 23.06.2026 zu beantworten.

Grundsätzliches

1. Wie schätzen Sie grundsätzlich die Situation auf dem Lüneburger Wohnungsmarkt ein und welche Handlungsbedarfe bestehen für Sie?

Claudia Kalisch: Die Wohnraumversorgung ist eine der wichtigsten Zukunftsaufgaben für Lüneburg. Dabei besteht Herausforderungen darin, ausreichend Wohnraum zu schaffen und gleichzeitig die hohe Lebensqualität unserer Stadt zu erhalten. Dafür brauchen wir eine enge Zusammenarbeit von Politik, Verwaltung, Wohnungswirtschaft und Bürgerschaft. 

Lüneburg wächst und insbesondere für kleine und mittlere Einkommen fehlt Wohnraum. Vor allem hohe Bau- und Grundstückskosten führten lange Zeit zu weniger Neubauaktivität. 

Ein hoher Zuzugsdruck aus Hamburg verschärft diese Situation.
Nach den aktuellen Wohnraum-Analysen besteht bis 2040 ein Bedarf von rund 3.500 zusätzlichen Wohnungen. Erst ein Teil davon ist in der Vorbereitung. 

Die Vorlage eines qualifizierten Mietspiegels war ein wichtiger Schritt und ist in dieser Form fortzuschreiben. Dabei hat die Auswertung der Mietspiegeldaten gezeigt, dass die durchschnittliche Nettomiete pro Quadratmeter in der Hansestadt Lüneburg – unabhängig von allen Wohnwertmerkmalen —  von 8,95 € pro Quadratmeter (Stichtag 1. September 2023) auf 9,56 € pro Quadratmeter (Stichtag 1. September 2025) gestiegen ist. Dies entspricht einer Erhöhung um 6,82 % innerhalb von zwei Jahren. (Quelle: Homepage HLG). 

Ich sehe daher folgende Handlungsbedarfe:

  1. Mehr Wohnungsbau ermöglichen: ausreichend Flächen für den Wohnungsbau entwickeln durch Nachverdichtung, Neubaugebiete, Reaktivierung von Industriebrachen und Baulückenschließungen  
  2. Bestehenden Wohnraum besser nutzen: Aktivierung von Leerständen, Umnutzung geeigneter Gebäude, Unterstützung von Wohnungswechseln (Seniorenumzug-Familieneinzug), konsequentere Durchsetzung der Zweckentfremdungssatzung 
  3. Bezahlbaren Wohnraum sichern: geförderten Wohnungsbau nach den Kriterien der Nbank durch städtebauliche Verträge, Vergabekriterien oder B-Plänen sichern, Wohnungsbaugesellschaften und -genossenschaften als Kooperationspartner  
  4. Wohnen und Stadtentwicklung gemeinsam denken – alte und neue Quartiere müssen lebenswert sein und von der Bevölkerung akzeptiert werden – dazu bedarf es Erholungsflächen, Infrastruktur, Mobilität 

2. Welche zentralen Kriterien bilden das Leitbild Ihrer zukünftigen Politik zum Bezahlbaren Wohnen in Lüneburg? 

Claudia Kalisch: Wir haben in den vergangenen Jahren Baurecht für über 2.000 Wohneinheiten geschaffen. Nun gilt es, diese Projekte auch in die Umsetzung zu bringen. Zudem stehen neue Fördermöglichkeiten in Aussicht, welche die Schaffung von neuem Wohnraum mit 100% gefördertem Anteil für Investor:innen attraktiv macht. Diese werde ich animieren und sie bestmöglich bei ihren Vorhaben unterstützen.
Neben Neubau, Sanierung und maßvoller Verdichtung mit den Möglichkeiten des Bauturbos, ist es wichtig, die Zweckentfremdung von Wohnraum zu verhindern. Hierzu wird sich die Verwaltung neu aufgestellt. Denn mein Ziel ist, mit mehr Personal und den Einsatz einer Software die Überwachung der Zweckentfremdung konsequenter zu verfolgen. Für beides braucht es Beschlüsse. Bereits auf den Weg gebracht, haben wir das Wohnraumbüro.
Denn ein wichtiger, oft unterschätzter Punkt in der Diskussion ist die Aktivierung bereits vorhandenen Wohnraums. Der vorhandene Wohnraum ist der günstigste Wohnraum. Deshalb werde ich mich dafür einsetzen, dass auch das neue Wohnraumbüro finanziell und personell weiter gestärkt wird. 

Bodenpolitik, Bauen und Klima

3. Wie werden Sie mit dem Spannungsfeld zwischen Neubau, Nachverdichtung im Bestand und dem Erhalt von Grünflächen (z.B. für Erholung und Klimaschutz) in Zusammenhang mit Bezahlbarem Wohnen umgehen?

Claudia Kalisch: Auch hier gilt es, mit Augenmaß zu operieren. Die vorhandenen Grünflächen sollen gemäß dem ISEK erhalten bleiben. und da, wo Nachverdichtung und Neubau stattfinden kann, muss gleichzeitig auch die Qualität vorhandener Grünflächen aufgewertet werden. Mein Ziel ist es, möglichst viel Wohnraum zu schaffen, ohne dafür neue Flächen zu versiegeln. Kurz: lieber in die Höhe als in die Breite bauen. Auch die Entsiegelung nicht genutzter Flächen ist in diesem Zusammenhang zu prüfen.

4. Ist es notwendig, den Bodenmarkt in Lüneburg stärker zu regulieren, insbesondere zur Verhinderung von Bodenspekulation und steigenden Mieten/ Erbbauzinsen? Welche Kriterien zeichnen für Sie eine zukunftsfähige Bodenpolitik aus?

Claudia Kalisch: Wir haben dazu bereits begonnen, neue Bauflächen nur in Erbpacht zur Verfügung zu stellen. Und ich plane, künftig Vorkaufsrechte durch die Stadt verstärkt wahrzunehmen. Wir prüfen zusätzlich den obligatorischen Kauf größerer Bauerwartungsflächen, um Spekulation einzudämmen. 

Bestand

5. Welche Möglichkeiten sehen Sie, um ohne weiteren Flächenverbrauch zusätzlichen bezahlbaren Wohnraum im Lüneburger Bestand zu schaffen?

Claudia Kalisch: Durch Nachverdichtung, Aufstockung, Dachgeschossausbau und die Sanierung vorhandenen Wohnraums kann zusätzlicher Wohnraum im Bestand geschaffen werden. Allein im Bereich Dachgeschossausbau schlummert ein Potential von über 1.000 Wohnungen in Lüneburg. Zudem beraten wir EigentümerInnen – etwa von Einfamilienhäusern – im Wohnraumbüro (s. Antwort Frage 2), wie sie ihren Wohnraum umbauen, teilen und ggfs. vermieten können. Dazu gab es im Dezember 2025 z.B. eine Ausstellung im Wohnraumbüro mit der Überschrift „Zimmer frei“. 
Bei der Nachverdichtung helfen der Bauturbo sowie die novellierte Niedersächsischen Landesbauordnung mit erleichterten Rahmensetzungen. Zudem setzen wir auf neue Förderungen für geförderten Wohnraum nicht nur im Neubau, sondern auch im Bestand.

6. Wie gehen Sie mit der grundsätzlichen Problematik der ungleichen Wohnraumverteilung um, dass z.B. ältere Menschen allein in großen Häusern leben und Familien bezahlbaren und ausreichend großen Wohnraum suchen?

Claudia Kalisch: Hier haben wir eine riesige und wichtige Aufgabe vor uns. Viele ältere Menschen wohnen nicht deshalb alleine in großen Häusern, weil sie das wollen, sondern weil passende Alternativen fehlen. Wenn ältere Menschen passende, barrierefreie und bezahlbare Wohnungen in ihrem vertrauten Umfeld finden, steigt die Bereitschaft zu einem Wohnungswechsel häufig deutlich. Daher sehe ich meine Aufgabe darin, unterschiedliche Wohnformen zu fördern. Gemeinschaftliche Wohnprojekte, Mehrgenerationenwohnen oder Baugemeinschaften können einen wichtigen Beitrag leisten. Aber auch Konzepte wie „Wohnen für Hilfe“ können Teil der Lösung sein.
Zu diesen Fragen berät und vernetzt das neue Wohnraumbüro der Hansestadt. Digitale Tools zur Vernetzung von Nachfrage und Angebot sind ebenfalls denkbar. Im jüngsten Baugebiet Am Wienebütteler Weg werden entsprechende Wohnformen ausdrücklich unterstützt. (s. Antwort Frage 2 und 5).

7. Welche Möglichkeiten sehen Sie, um Leerstände im Wohn- und Gewerbebereich in der Hansestadt Lüneburg effektiv zu mindern?
Claudia Kalisch: Hier hängen wir in Lüneburg letztlich von der wirtschaftlichen Entwicklung im Land ab. Wir haben die richtigen Weichen gestellt und die Gewerbesteuer trotz leerer Kasse nicht erhöht. Der Leerstand von Wohnraum aus spekulativen Gründen ist nicht hinnehmbar.  

Im Wohnungsbereich sehe ich insbes. folgende Ansatzpunkte

  • Transparenz über Leerstand schaffen und deren Ursachen analysieren
  • Eigentümer:innen aktiv beraten und unterstützen, bspw. bei Sanierungen, Umbau, Brandschutz, Umnutzungen oder Fördermöglichkeiten. 
  • Das Wohnraumbüro kann eine wichtige Rolle bei der Aktivierung von Wohnraum übernehmen. 
  • Unterstützung bei generationsgerechten Wohnungswechseln, damit vorhandene Wohnraum besser genutzt werden kann.

Im Gewerbebereich kommt es stärker auf die Lage und die Ursachen des Leerstandes an.

  • Prüfen, ob einzelne Gewerbeflächen langfristig für andere Nutzungen geeignet sind, bspw. für Dienstleistungen, Kultur, Bildung oder in geeigneten Fällen auch für Wohnen. Ein Beispiel ist der Erwerb des Gebäudes Bardowicker Straße 1 durch die Hansestadt Lüneburg. Dort befand sich früher Einzelhandel und aktuell werden die Räume für Theaterveranstaltungen genutzt bis zum Umbau als Bürogebäude mit barrierefreien Verwaltungs-Servicebereich. 

Neubau 

8. Werden Sie sich dafür einsetzen, dass zukünftig die Voraussetzung für eine Grundstücksvergabe der Neubau preisgünstiger oder geförderter Wohnungen ist?

Claudia Kalisch: Bei der Vergabe städtischer Flächen ist bereits jetzt eine Quote von 30% der Wohnfläche für öffentlich geförderten Wohnungsbau gesetzt. Je nach Standort denken wir jedoch auch über bis zu 50% oder sogar 100% nach. Zudem beteiligen wir bei der Ausschreibung von Wohnbauflächen – etwa in Wienebüttel – gezielt Bau- und Wohnungsunternehmen, die bereits Referenzen im kostensparenden Wohnungsbau bieten können (etwa durch Pilotprojekte im Hamburg-Standard).

9. Nach welchen Kriterien werden Sie die wenigen verbleibenden, städtischen Flächen vergeben, um den Neubau von bezahlbarem Wohnraum fördern? 

Claudia Kalisch: Mein Ziel ist, dass Lüneburg eine Stadt bleibt, in der Menschen mit unterschiedlichen Einkommen, Lebenslagen oder Lebensphasen wohnen können. Bezahlbares Wohnen bedeutet für mich nicht nur möglichst niedrige Mieten, sondern ausreichend Wohnraum in den stark nachgefragten Wohngrößen, soziale Durchmischung, lebenswerte Quartiere mit Erholungsgebieten und Nahversorgung. (s. auch Frage 8.)

10. Ein großer Teil bezahlbaren Wohnraums geht durch den Ablauf von zeitlich befristeten Sozialbindungen verloren. Wie werden Sie zukünftig mit Sozialbindungen auf dem Lüneburger Wohnungsmarkt umgehen?

Claudia Kalisch: Die mindestens 30%-Mindestquote der Wohnfläche im öffentlich geförderten Wohnungsbau wird nach den Kriterien der N-Bank für 30 Jahre vergeben. Bei der Lüwobau oder der Lüneburger Genossenschaft bleiben die Wohnungen auch nach dem Auslaufen der Bindung verlässlich bezahlbar. Das gilt auch für viele private Vermieter:innen. Wir haben zudem die Möglichkeit, dies über städtebauliche Verträge zu regeln und dafür werde ich mich verstärkt einsetzen. Eine weitere Option ist die von der Nbank geförderte Verlängerung der Bindungszeiten oder der Neuerwerb von Bindungsrechten im Bestand.

Junge Menschen, Auszubildende, Studierende und Wohnprojekte

11. Junge Menschen haben große Schwierigkeiten, eigenen Wohnraum zu finden und zu finanzieren. Welche Möglichkeiten sehen Sie, bezahlbaren Wohnraum für junge Menschen zu schaffen bzw. zu sichern oder z.B. dem Studierendenwerk OstNiedersachsen öffentliche Grundstücke oder Gebäude kostenfrei (oder z. B. im Erbbaurecht) zur Verfügung zu stellen?

Claudia Kalisch: Wenn das Studierendenwerk OstNiedersachsen oder andere Träger konkrete Projekte zur Schaffung studentischen oder bezahlbaren Wohnraums verfolgen, unterstütze ich diese ausdrücklich.
Dabei können im Einzelfall auch Instrumente wie Erbbaurechte oder vergünstigte Grundstücksvergaben sinnvoll sein. Solche Entscheidungen trifft letztlich der Rat der Hansestadt Lüneburg.
Darüber hinaus sollten wir alle Potentiale nutzen, um zusätzlichen Wohnraum für junge Menschen und Hausstandsgründer:innen zu schaffen. Dazu gehören Neubauprojekte ebenso wie die Umnutzung von Bestandsimmobilien, innovative Wohnformen oder Kooperationen mit Wohnungsunternehmen. 

12. Werden Sie und wie werden Sie gemeinschaftliches Wohnen oder generationenübergreifende Wohnprojekte in Lüneburg unterstützen? 

Claudia Kalisch: Gemeinschaftliche oder generationsübergreifende Wohnformen können einen wertvollen Beitrag zur Bewältigung der wohnungspolitischen Herausforderungen leisten. Sie fördern gegenseitige Unterstützung, stärken Nachbarschaften und ermöglichen häufig eine effizientere Nutzung von Wohnraum. 

Deshalb werde ich mich weiter dafür einsetzen, entsprechende Initiativen offen zu begleiten und zu unterstützen, wo dies im Rahmen der kommunalen Möglichkeiten sinnvoll und umsetzbar ist.
Wir beraten hierzu z.B. über Verfahrensschritte oder Fördermöglichkeiten oder erstellen entsprechende Kriterien bei Grundstücksvergaben.  

Ich setze mich dafür ein, auch in Zukunft eine Quote (15-25% ) für Wohn- oder Baugemeinschaften in Neubaugebieten festzuschreiben. (s. auch Frage 6.)

Erbbau

13. Welche Bedeutung hat der Erbbau für Sie grundsätzlich als Instrument für Bezahlbares Wohnen in Lüneburg im Bestand und für den Neubau?

Claudia Kalisch: Der Erbbau ist ein Baustein von vielen. Nach zweijähriger intensiver Auseinandersetzung mit dem Thema, mit Unterstützung aus Verwaltung und auch durch die BI Erbbau, hoffen wir, im Rat zeitnah eine Entscheidung zum neuen Lüneburger Erbbaumodell treffen zu können.

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